Philosophie

Die zunehmende Technisierung und Anonymisierung unserer Gesellschaft lässt in immer mehr Menschen eine Sehnsucht nach Einfachheit, Natürlichkeit und Ursprünglichkeit wachsen. Dies ist ein in der Seele des Menschen tief verankertes Bedürfnis. In unserer reizüberfluteten Umwelt wird es jedoch immer schwerer, das zu erkennen.

Es gilt herauszufinden, was für jeden von uns wesentlich ist. Inmitten von Ablenkung und Entfremdung gibt es immer wieder Dinge, auf die jeder anspricht und unmittelbar reagiert: das mag die beruhigende Stille der blauen Stunde sein, der erhebende Anblick, wenn das Sonnenlicht durch das Herbstlaub bricht, eine schöne Melodie, der weite Blick über regenverhangene Täler. Jeder Mensch hat hierauf seine eigenen Antworten, seine persönlichen besonderen Momente.

Über allem liegt eine universelle Wahrheit: Es gibt eine Schönheit, die die Seele des Menschen unabhängig von seiner Herkunft und seinen Erlebnissen klingen lässt und ihn an die Wurzeln des Seins führen kann.

Japanische Kunstphilosophien haben diese Wahrheit in ihre ästhetischen Konzepte aufgenommen und umgesetzt.
Drei der wichtigsten sind:

Shibui (渋い), „Bitterer Geschmack“
Mit diesem schwer ins Westliche zu übertragenden Begriff wird die Ästhetik der einfachen, subtilen und unaufdringlichen Schönheit ausgedrückt. „Shibui“ stellt die höchste Form der Schönheit dar. Sie beinhaltet natürliche Komponenten, wenn sie nicht sogar ausschließlich daraus besteht. Das bloße Auge sieht die Dinge, jedoch das innere Auge erkennt, ob es „Shibui“ ist.

Wabi-Sabi (侘寂), Konzept der Wahrnehmung von Schönheit Ursprünglich bedeutet „Wabi“: sich elend, einsam und verloren fühlen. Dies erfuhr die Verbindung mit „Sabi“: alt sein, Patina zeigen, über Reife verfügen, eine Wandlung. So entstand die eigentlich nicht übersetzbare Begriffseinheit, die den Maßstab der japanischen Kunstbewertung bildet: Nicht die offenkundige Schönheit ist das Höchste, sondern die verhüllte. Der bemooste Fels, das grasbewachsene Strohdach, die knorrige Kiefer, der leicht berostete Teekessel, das und ähnliches sind die Symbole dieses Schönheitsideals. Es geht um die Hoheit, die sich in der Hülle des Unscheinbaren verbirgt, die herbe Schlichtheit, die dem Verstehenden doch alle Reize des Schönen offenbart.

Ma (間) „Schönheit ist auch dort wo es nichts gibt“
Dieses Konzept kann in japanischen Steingärten betrachtet und erfahren werden: Raum, Leere, Ruhe.

Ein schönes Gedicht kann man schnell hervorsprudeln und damit verhindern, dass sich die poetische Kraft entfaltet. Erst die gezielte Pause, ein bewusstes Innehalten lässt dem Geist Zeit und Raum, alles aufzunehmen. Auf Bildern äußert sich dies in vielen freien Flächen. Der westlich geprägte Betrachter sieht eine zunächst ungewohnte Leere, die er lernen kann, mit eigener Interpretation zu füllen.

Diese Konzepte durchdringen die japanische Kultur und spiegelten sich auch in der Architektur und Baukunst wieder. Grundsätzlich ist japanische Kunst Gebrauchskunst: eine Objekt wird wertvoll, wenn die Jahre der Verwendung die nötige Patina gegeben haben.

Ein Tansu ist das japanische Möbelstück schlechthin. Sein schlichtes und klares Design kombiniert auf - im wahrsten Sinne des Wortes - begreifbare Weise diese ästhetischen Konzepte. Jeder Tansu zeichnet sich bei aller konstruktiver und dekorativer Individualität aus durch

Einfachheit | Leere | Asymmetrie | Nähe zur Natur | Vergänglichkeit

Der sensible Betrachter begreift die Tiefe und Klarheit des Konzeptes und nutzt sie, um Abstand von der Reizüberflutung des Alltags zu bekommen. Er richtet seinen Blick auf das Wesentliche: Ihm erschließt sich der Reiz der Asymmetrie und die beruhigende Stille, die durch das Weglassen entsteht. Ihn berührt die Schönheit der Eisenbeschläge mit filigranen Ornamenten aus natürlichen Motiven. Er erkennt das akzentuierte Zusammenspiel von Holz und Metall, bei dem sich beide Grundwerkstoffe gegenseitig Raum zur Entfaltung lassen. Er erfasst, wie im Tansu der Geist der Vergangenheit, Gegenwart und des zukünftigen Verfalles atmet. Ein Verfall, der nicht als negativ empfunden sondern bewusst einkalkuliert wird, da hieraus wieder etwas Neues geboren wird.

Was der offene Betrachter sieht und erkennt beruhigt sein Auge und seine Seele.

Ich bin glücklich den Geist dieser Möbel gefunden und ansatzweise begriffen zu haben. Daher ist es mir ein besonderes Anliegen, auch andere Menschen mit dieser Schönheit zu begeistern und ihnen einen Anstoß zu geben, die Dinge - ob materielle oder immaterielle - aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.

Ich möchte meinen beiden guten Geistern aus Nippon danken, ohne die dies nicht möglich gewesen wäre.

“Watashi no kokoro
wa anata no mono”

 

 

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